Woher kam diese Geschichte?
Ich hatte in den 1990ern einen Dokumentarfilm über die Hafenarbeiter in Liverpool gedreht, “The Flickering Game”, als es dort gerade einen langen Streit über den Erhalt der Arbeitsplatzsicherheit gab. Seitdem hat sich diese Sicherheit des Arbeitsplatzes radikal reduziert, die Agenturarbeit hingegen nahm rapide zu. Ich halte diesen Vorgang für sehr bedeutsam und doch auch für merkwürdig unterrepräsentiert. Die politischen Entscheidungen, die diesen Vorgängen unterliegen, werden derzeit kaum hinterfragt. Die politischen Strömungen, die es gibt, befürworten diese Entwicklungen. Sie nennen es Modernisierung, es wird beinahe wie eine Naturgewalt gesehen, die so eintreffen müsse. Ich hingegen glaube, diese Entwicklung liegt im besonderen Interesse einer einzelnen Klasse und uns wird suggeriert, dass wir auf diese Art leben müssten. Das müssen wir aber nicht.
Dann haben wir den Film “Bread and Roses” (2002) über mexikanische Einwanderer in den USA gedreht. Ein paar Jahre später machten wir “Just a Kiss”, der sich mit der zweiten Generation von Einwanderern auseinandersetzte. “The Navigators” von 2001 drehte sich um eine Gruppe von Bahnarbeitern, die gegen die Privatisierung kämpften, was nichts anderes als Zeitarbeit bedeutet hätte.
All diese Interessen und Themen kamen zusammen – in dem Moment, wo die Probleme der Einwanderer auf dem britischen Arbeitsmarkt immer sichtbarer wurden. Die Transformation der Arbeitskultur, das Interesse an Migration, die Leben, die die Einwanderer leben, was sie dazu bringt, hierher zu kommen – alle Wege deuteten auf diese Geschichte.
In welchem Grad wurden Sie beeinflußt von den Nachrichten der Medien über Arbeitskräfte aus dem Ausland?
Diese Dinge tauchen immer wieder in veränderter Form in den Medien auf. Aber wir wollten keine einfache Opfergeschichte erzählen. Wir haben zahlreiche Filme gemacht, in denen die Misere eines Protagonisten im Mittelpunkt steht. Wir dachten, in diesem Fall wäre es interessant, sich die Haltungen und die Denkweise der Menschen anzuschauen, die auf der anderen Seite stehen – die für das Ausbeuten zuständig sind. Ein Film über die Ausgebeuteten erschien uns zu vorhersehbar.
Es gibt auch extremere und erschreckendere Schicksale aus dieser Sphäre, die hätten erzählt werden können. Warum habt Ihr euch für diese entschieden?
Weil wir wollten, dass man sich mit den zwei zentralen Frauenfiguren, Angie und Rose, identifizieren kann. Wählt man jemanden, dessen Schicksal zu extrem ist, wird das Publikum diese Figur sofort abstoßen. Die Geschichte muss wahrscheinlich sein, man muss ihre Argumente und Gedanken nachvollziehen können, man muss überzeugt sein, dass wenn nicht Angie den Job macht, jemand anderes ihn übernehmen wird, dass sie in einem Konkurrenzmarkt lebt und so wettbewerbsfähig sein muss wie alle anderen und sie daher gezwungen ist zu handeln, wie sie es tut. Sie muss einen Fuß in die Tür bekommen und daher von Anfang an Zähne zeigen. Man muss in ihre Logik hineingezogen werden, um dann am Ende festzustellen, wie grausam diese Logik ist.
Deswegen haben wir uns für Angie entschieden. Außerdem trifft sie den Zeitgeist. In ein paar Jahren könnte sie die Geschäftsfrau des Jahres sein.
Wer ist Angie?
Sie ist eine Frau in den späten Zwanzigern oder Dreißigern und sie hat einen Sohn, Jamie. Sie hat extrem viel Energie und ist sehr attraktiv. Sie stammt aus einer respektablen Arbeiterfamilie. Sie hat ihre Talente nie wirklich umsetzen können, hatte wahrscheinlich zahlreiche gescheiterte Beziehungen. Ihre Ambitionen sind stärker als ihre bisherigen Erfolge. Sie hat einen Punkt in ihrem Leben erreicht, an dem sie handeln muss, bevor es zu spät ist, ist sich bewußt, dass sie an einem Scheitelpunkt ihres Lebens angekommen ist. Sie ist ein Produkt des wirtschaftlichen Liberalismus, der den Geschäfts- und Unternehmensgeist des Menschen, seine Durchsetzungskraft, Ellenbogen-Fähigkeiten und seine Rücksichtslosigkeit betont.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Kierston Wareing als Hauptdarstellerin?
Mit Kahleen Crawford, die das Casting gemacht hat, habe ich während drei Monaten mehrere hundert in Frage kommende Kandidatinnen angeschaut. Kierston kam mehr als sieben Mal zum Casting und immer haben wir etwas Neues, Improvisationen ausprobiert. Jedesmal hatte sie ein weiteres Ass im Ärmel – sie war immer sehr interessant, sehr lustig und überraschend. Sie ist eine enorm liebenswerte Person.
Nach was genau haben Sie gesucht?
Die Fähigkeit, extrem liebenswert und gleichzeitig unbarmherzig zu sein. Sie musste zäh sein. Sensibilität und Rücksichtslosigkeit – diese zwei Dinge gehen sehr oft Hand in Hand. Ich denke, Kierston hat genau das zusammengebracht.
Warum glauben Sie, hat die Branche sie bisher übersehen?
Die Welt ist voll von talentierten Menschen, denen der Durchbruch bisher versagt geblieben ist. Ich glaube, wir haben eine Schwäche für Leute, die ein paar Ecken und Kanten haben, die von der Branche bisher noch nicht geschliffen wurden, die nicht so leicht in das einfache, farblose Modell des Fernsehens passen. Kierston hat eine gewisse Kantigkeit, die Ausstrahlung von Kompromisslosigkeit. Warum wurde sie nicht schon früher größer besetzt? Weil der Eindruck da ist, dass von ihr eine Gefahr ausgeht, etwas wirklich einmaliges, das nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden kann.
Entstand die Figur Angie aus der Geschichte oder was es umgekehrt?
Beides kam zusammen. Es war die Figur, die in dieser männlichen Welt lebt und arbeitet und die sich – auch wenn sie das Wort nicht gebrauchen würde – als Feministin sieht. Sie würde denken – warum sollten Frauen nicht das gleiche tun, was Männer tun? Ich denke, dass das auch eine Besonderheit der Epoche ist. Sie würde das, was sie tut, nicht vor unserer jetzigen Gegenwart getan haben können.
Fällt der Film ein moralisches Urteil über sie?
Nicht über sie. Das Urteil bezieht sich auf das System, in dem sie gewachsen ist.
Nach vielen Filmen, die Sie in anderen Teilen der Welt gedreht haben, kehren Sie mit diesem zurück nach London. Warum?
London ist das Herz des britischen Kapitalmarkts. Paul Laverty ist ja Schotte und er schreibt sehr gut in diesem speziellen Idiom, aber wir wollten nicht den Eindruck erwecken, dass es sich um ein spezifisch schottisches oder nord-britisches Problem handelt. Es befindet sich im Herzen des ökonomischen Systems. Es ist interessant, mit welcher Doppelmoral darüber gesprochen wird. Auf der einen Seite sagt man uns, die Wirtschaft könne ohne die ausländische Arbeitskraft nicht existieren. Auf der anderen Seite steht die rechte Politik, die behauptet, diese Menschen müssten das Land verlassen. Es ist Heuchelei.
Wolltet Ihr mit diesem Film schockieren oder das Verhalten der Menschen verändern?
Der Skandal der Ausbeutung ist bekannt – für die, die es wissen möchten. Der Film betritt kein Neuland in dem Sinne, dass er darüber schockiert, was da vor sich geht. Was uns wichtiger war, ist, die konventionelle Weisheit herauszufordern, dass rücksichtsloses Unternehmertum die Grundlage ist, auf der diese Gesellschaft aufgebaut sein sollte, dass Wettbewerb, markt-orientierte Wirtschaft unser Leben bestimmen muss. Es macht Ausbeutung möglich. Es produziert Monster.