Ken Loach inszenierte einen Film, der sowohl die Brennpunkte der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung dramatisiert und personalisiert, als auch grundsätzliche Konflikte der abendländischen Geschichte aktualisiert. Die so klassische Reibung zwischen Individualismus und gesellschaftlicher Verantwortung ist in eine extreme Schieflage geraten, ist scheinbar gar nicht mehr direkt austragbar.
Die Veränderung der Arbeits- und Industriekultur unter dem Druck der Globalisierung macht das Konzept der sympathischen Identifikationsfigur, die die Empathie des Zuschauers erregt, höchst fragwürdig. Wo die internationale Arbeitswelt die radikalste Form der Individualisierung als Flexibität und Mobilität anpreist, wo menschliches Arbeiten durch seine Auswechselbarkeit definiert ist, kann es keinen individuellen Repräsentanten geben, der Mitleid, Einfühlung und – im weitesten Sinn – Nächstenliebe gewinnt. Hier herrschen subtile und perfide Formen seelischer Gewalt – gerade weil sie so weit verbreitet, toleriert und als Bauernschläue genormt worden sind.
Wie kein anderer macht Ken Loach immer wieder deutlich, welch wichtiges Personal in der Welt der Arbeit liegt, welch fundamental dramatische Reibungen ihre Konflikte für das Kino bietet. Mit Angie schuf Ken Loach einen der komplexesten Charaktere seiner Regie-Karriere: zwischen Empathie, Sensibilität und Rücksichtslosigkeit ist sie hin und her gerissen. Kaum ein Regisseur stellt derzeit den Mechanismen eines globalisierten Arbeitsmarktes so konsequent die Infragestellung filmischer Darstellungskonvention entgegen. Der dramaturgische Lebenslauf von Angie verschlingt den Zuschauer und schlägt ihn von Anfang an auf ihre Seite, verwickelt ihn in die Logik einer privaten Glückssuche, die sich schließlich im Sog einer immer grausameren Kausalität verliert. Angie erkennt ihre einzige Chance – sich die liberale Wirtschaftspolitik zu nutze zu machen und selbst zum Täter zu werden – und muss sich dabei zwangsläufig jenseits von gut und böse bewegen. Auf dem Weg zur Selbstverwirklichung schwebt Angie in höchster Gefahr, sich unterwegs selbst zu verlieren und so gnadenlos zu enden, wie die Welt in der sie lebt.
Globalisierung, Migration, Heimatlosigkeit sind die Schlagworte, die den Hintergrund dieser Geschichte ausmachen. Es entstand ein persönliches Schicksal um eine Protagonistin, die ebenso zerrissen ist wie die Einwanderungs-Politik der westlichen Länder: Einerseits unverzichtbare Arbeitskraft, andererseits ungern gesehene Gastarbeiter, die den Einheimischen die Beschäftigung streitig machen. Die Doppelmoral der Politik findet in Angie eine subtile Personifizierung – zwischen der selbstgefälligen Hilfsbereitschaft gegenüber notleidenden Einwanderern und der rücksichtslosen Selbstbereicherung.
»It's a Free World« beschreibt eine massive Transformation der Arbeitskultur und Selbstidentität, das sich tief im Herzen des Wirtschaftssystems festgesetzt hat. In der freien Welt liegt etwas Unausweichliches, Unerbittliches verborgen – hier ist die Freiheit des Marktes unversehens zu einer verhängnisvollen Narrenfreiheit der Arbeiter geworden.