Nach „The Wind that Shakes the Barley“ wollten wir uns einem wirklich zeitgenössischen Stoff widmen. Benjamin Disraeli schrieb, Großbritannien sei der „workshop of the world“. Wenn man heute eine Autobahn entlang fährt und sich in den Randgebieten umschaut, gibt einem das Land eher das Gefühl, ein riesiges Warenlager zu sein. Ein Warenlager jagt das nächste. In früheren Zeiten gab es mehr Fabriken. Das zeigt einen tiefen Strukturwandel in unserer Welt – massenhaft importierte Produkte aus China und der endlose Transport von Nahrungsmittel und Materialien rund um den Erdball. Das alles muss schließlich irgendwo gelagert und dann weitertransportiert werden. Internet Shopping steuert auch seinen Teil dazu bei. Es fühlt sich an wie eine verborgene Welt jenseits der Umgehungsstraße, die vernetzt wird durch den Lieferwagen. Also habe ich mir überlegt, wie es wäre, in dieser Welt zu arbeiten. Dabei war uns klar, dass die meisten Jobs sehr schlecht bezahlt sind und Zeitarbeit der Normalfall ist.
Supermärkte sind Paradiese der Verwaltung, der Kommunikation, der Verteilung und der Machtkonzentration. Die ganze Welt kommt hier an einem einzigen Ort zusammen: Frischer Fisch aus Neuseeland, Obst aus dem verarmten Simbabwe, rauhe Verträge mit britischen Betrieben, die ausländische Arbeitskräfte beschäftigen, Drohungen, diejenigen aus dem Liefervertrag zu sperren, die den Vorgaben nicht gehorchen wollen, schlecht-gelaunte Geschäftsleiter und verrückte Konsumenten.
Da gab es viele Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen – über Studenten in Teilzeitarbeit, über Mütter in Teilzeitarbeit oder über ältere Menschen, die nicht mehr in den Fabriken arbeiten können – Material für ein Dutzend Drehbücher.
Aber der eigentliche Raum, in dem sich das abspielt, ist doch sehr statisch und, seien wir ehrlich, häßlich wie die Sünde. Je mehr ich mit den Leuten in den Lagerhäusern und den Supermärkten gesprochen habe, wurde mir immer klarer, dass der Kern der tiefgreifenden Transformation der Arbeitserfahrung die unverbindliche Zeitarbeit ist.
Doch ein Trend, egal wie richtungweisend er auch sein mag, macht noch keine Geschichte. Eines Tages tauchte die Figur Angie einfach in meinem Kopf auf. Sie war total fiktional. Von Anfang an konnte ich bei ihr den Ärger riechen. Doch sie zog mich an – ihre Energie, ihr Ehrgeiz und ihre Verletzlichkeit. In meiner Vorstellung war sie voller Widersprüche und irgendwie ist es viel interessanter, eine Geschichte zu schreiben, wenn du nicht ganz sicher ist, wohin die Figur dich führen wird. Dazu kam, dass Ken diese Vorahnung sehr unterstütze und vorantrieb. Angie sollte sehr auf sich selbst konzentriert sein, aber doch auch mit einem Sinn für das Ungestüme und Großzügige. Sie reflektiert die Zeit, in der sie lebt. Sich an Angies Seite zu begeben, war auch ein gewaltiger Dominoeffekt. Es bedeutete, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu erzählen und nicht aus derjenigen der Hundertschaften ausländischer Arbeiter.
Eine andere Schlüsselfrage war die nach der Situierung der Geschichte. Während auf der einen Seite so viele verzweifelte Menschen stehen, die vor Krieg oder Arbeitslosigkeit fliehen und Heil und Arbeit in Europa suchen, gibt es auch eine ganz andere mafiöse Welt der Menschenschmuggler. Einige Geschichten, die man mir erzählt hat, waren nicht zu glauben. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich mit dem Schreiben begann, kostete einen chinesischen Immigranten die Überfahrt nach Großbritannien 25.000 Dollar. Die Möglichkeiten waren also sehr vielfältig, aber wir interessierten uns weniger für das extreme Schicksal. Vielmehr ging es uns um etwas, das näher an der Alltagserfahrung liegt. Angies Geschichte entstammt einer Sphäre der „abgespeckten“ Illegalität – es ist eine andere Welt als die der Gangster und Menschenschieber. Aber diese Illegalität hat ihre eigenen Formen von Gewalt, die sehr viel heimtückischer sind, weil sie so weit verbreitet und auch toleriert oder ignoriert sind. Und das in einer Form, die sich vom öffentlichen Umgang mit der Welt der Gangster und Schmuggler deutlich unterscheidet.
Einige der Geschichten, die ich hörte, waren wahrhaft tragisch – dort, wo die Banden der Verantwortung schon lange aufgegeben wurden. Ein Journalist erzählte mir von einem Mann, der an Überarbeitung starb, weil er ununterbrochen Doppelschichten machte. War das sein Beruf? 24 Stunden lang Firmenlogos stempeln? Hätten wir das gezeigt, hätte man uns Übertreibung vorgeworfen. Nach unzähligen Gesprächen mit Arbeitern hatte ich das traumgleiche Gefühl, dass 150 Jahre Gewerkschaftsgeschichte plötzlich in einer Rauchwolke verpufft waren.
Angie lebt in einer ganz anderen Welt als ihr Vater. Sie ist von einem Job zum nächsten gestolpert und fürchtet sich verständlicherweise davor, im Alter arm zu sein. Sie ist fest entschlossen, nicht wie ihre Eltern zu enden. An dieser Stelle zeigt sie eine brutale Ehrlichkeit, die ich sehr bewundere. Als ihre Freundin Rose ihr vorwirft, sich von den ausländischen Arbeitern zu ernähren, stimmt sie zu und ergänzt, „Das tun wir doch alle.“ Und das stimmt. „Denk daran, wenn Du das nächste Mal in den Supermarkt gehst.“, erklärt sie ihrem Vater in einem Streit. Es braucht noch viele Angies, um die komplexe Kette von Unterverträgen und Unterverträgen sichtbar zu machen, die uns unser frisches Sandwich, das gefrorene Hühnchen oder die saftige Erdbeere bescheren. Unsichtbare, ausgebeutete Arbeit durchdringt jeden Aspekt unseres Lebens. Vielleicht brauchen wir das Genick der vielen Angies in dieser Welt, um die schmutzige Arbeit für uns zu erledigen und die häßlichen Details von unseren Augen zu verbergen – sie in einem Lagerhaus jenseits der Ortsumgehung zu verschließen.